Das Rücker Anwesen

Velen ist die nordwestlichste Landschaft der Königreichs Temerien im Mündungsgebiet des Pontar. Sie grenzt, durch den Pontar getrennt, im Norden an das Königreich Redanien und im Westen an das Nördliche Meer. Zudem ist Velen durch zwei große Brücken mit Oxenfurt und Novigrad verbunden und ist daher ein wichtiger Handelsdurchgang zwischen Temerien und Redanien.
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Reuven von Sorokin
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Eine Weile überlegte Reuven, er glaubte verstanden zu haben.
Er kümmerte sich wenig um das Kauderwelsch und sprach einfach weiter.
"Die Lehrbücher sind gerade an der Stelle nicht sehr präzise. Ich würde es aber drauf ankommen lassen. Hilft es nicht, werd ich es ergänzen."
Andererseits, und das fiel ihm als nächstes ein, half es nicht, wäre er selbst genauso am Arsch, ohne Silberschwert würde er dem Werwolf wohl kaum beikommen. Aber über diese Brücke würde er wohl gehen müssen wenn er vor Ort war, oder wie diese Metapher auch immer ging. Und schon kam der nächste Bach. Auf Kommando weinen... nicht leicht.
"Ich gebe zu, das kann ich auch nicht... aber uns Hexern sagt man eh nach, dass wie keine Gefühle hätten. Ich hab gehofft..." Er zuckte mit den Schultern, das Vorurteil zu zitieren brachte ihn seiner Ansicht nach aus dem Schneider.
"...und wenn du noch einmal daran dankst, was der Him dir gezeigt hat?" Ja, er war zu spät, er erinnerte sich an die Tränen. "In dem Moment warst du aber auch nicht besonders kooperativ..." warf er ein, aber allein hätte er geahnt, dass Jake die ganze Geschichte als Märchen sah... Vielleicht hätte er wirklich selbst Tränen gelacht. "...und frag mich nicht, warum es ausgerechnet Jungfrauentränen sein müssen... Ich glaub die Autoren wollen uns einfach das Leben schwer machen, ich kann es nur nicht riskieren etwas anderes zu versuchen. Wenn dann etwas schief geht heißt es, ich habe gepfuscht, dann werd ich in Regress genommen. Geht was schief obwohl ich mich an's Rezept gehalten habe leidet wenigstens nicht mein Ruf darunter." Und er zuckte mit den Schultern. Ob das eher zum Lachen oder zum Weinen war wusste er nicht.
Vielleicht gingen ja wirklich auch Lachtränen? Eine gute Frage.
"Ich kenn auch nicht wirklich viele Witze... nur die schlechtesten und zotigsten..." Was man halt in Wirtshäusern so aufschnappte.
"Zum Beispiel... warum kichert ein Gnom ständig wenn er über die Wiese geht? Das Gras kitzelt ihn an den Eiern... Oder was ist der Unterschied zwischen einem Haufen Scheisse und einem Hexer... Die Scheisse hört irgendwann auf zu stinken. Den hör ich besonders oft."
Aber er erwartete nicht wirklich, dass der Junge lachte.
Und kurz versuchte er sich zu erinnern, ob er jemals geweint hatte...
"Ich glaube, die Motivation ist egal... Du kennst ja auch den Werwolf nicht, du könntest also gar nicht um ihn weinen...oder so. Aber warte... Ich weine beim Zwiebelschneiden..." und er grinste. "Ich mache übrigens ein hervorragendes Gulasch, musst du wissen. Wenn du in Nowigrad bist, schau im 'Schwarzen Reiter' Vorbei, ich geb dir dann einen aus." Und er hielt ihm die Phiole hin.
"Halt mal, mir kommt grade eine Idee."
Das Anwesen besaß sicher einen Garten irgendwo. Und in jedem ordentlichen Garten wuchsen Zwiebeln, selbst wenn sie ausgewachsen und verwildert waren, für den Zweck würden sie's tun. Er ließ kurz den Blick schweifen, dann entdeckte er einen niederen fast verfallenen und überwucherten Zaun am anderen Ende des Hofes. Er überbrückte die Distanz mit einem kurzen Sprint, so wurde ihm warm und er war irgendwie in Eile.
Er erkannte zwischen verwilderten Kartoffeln, Lauch und Fenchel auch die Halme von Zwiebeln. Sie waren nicht groß, aber sie würden ihren Zweck erfüllen.
Er wischte sich sie lehmig-erdigen Hände einfach an seinem Hemd ab, Schweiß, Blut, Leichenflüssigkeit, Erde konnte den Zustand kaum noch verschlimmern.
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Jakob von Nagall
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Der Mann redete viel und er redete schnell, zu schnell für Jakobs von der Kälte zusehends langsamer werdendes Gehirn. Er schnappte nur noch Fetzen auf von Lehrbüchern, Rezepten und einem Reiter. Die Witze zerplatzten an der Sprachbarriere wie faule Tomaten. Er lachte natürlich nicht, wollte sich einfach nur hinsetzen, wollte am liebste schlafen, aber Reuven drückte ihm einen kleinen Flacon in die Hand und spurtete davon. Jakob sah ihm nach, hielt das Glas in den eiskalten Fingern und roch prüfend daran. Lavendel oder etwas vergleichbares. Es erinnerte ihn an einen Ausflug in eine französische Komturei, als er noch ein Kind gewesen war. Das ganze Land rund um das Kloster hatte so gerochen und die welligen Berge ringsum waren tief lila gewesen. Er war mit anderen Anwärtern jeden Morgen in diesen Bergen gelaufen, hatte den Duft der Felder geatmet. Ob es hier solche Felder gab?
Reuven kehrte zurück und präsentierte ihm neben neuen Flecken auf dem fadenscheinigen Hemd eine Zwiebel. Unwillkürlich hob sich eine von Jakobs Brauen, aber dann zuckte er ergeben mit den Schultern und tauschte Flacon gegen Zwiebel. Hätte er sich nicht gefühlt wie ausgekotzt und dann eingefroren, hätte er jetzt wohl versucht anzugeben, indem er die Zwiebel hoch warf und mit dem Schwert zu teilen versuchte. Aber er war müde, seine Muskeln steif von der Kälte und so zog er die Klinge nur ein Stück aus der Scheide, um die Zwiebel daran zu halbieren. Die frischen Schnitte hielt er sich unter die Nase. Das Gemüse roch scharf und eben zwiebelig, die ätherischen Öle krochen ihm in den Kopf und taten fast augenblicklich ihre Wirkung. Ein Husten und Fluchen, diesmal auf Deutsch, doch ihm trat auch das Wasser in die brennenden Augen. Er neigte sich etwas nach vorn, sodass die Tränen über seinen Nasenrücken zur Nasenspitze liefen, wo Reuven sie mit dem Flacon auffangen konnte.
Tropfen für Tropfen fiel in das Glas und er kam sich furchtbar albern dabei vor. Aber immerhin hatte er nicht verlangt, dass er wirklich wieder weinen sollte, aus dem Herzen heraus. Nichts in der Welt hätte ihn dazu gebracht, noch einmal freiwillig durch diese Erinnerungen zu waten. Der Hym hatte ihm den Schlund zur Hölle geöffnet und Jakob fühlte die glühenden Feuer noch immer unter seinen Sohlen brennen. Aber er würde nicht hinab sehen. Er wollte und konnte sich dem nicht stellen. Nicht jetzt.
Der Knappe blinzelte die letzten Tränen weg und hielt die Zwiebel unschlüssig in der Hand. Letzten Endes war sie, klein und schäbig zwar, aber doch ein Lebensmittel und Lebensmittel warf man in seiner Familie nicht fort. Reuven wirkte zufrieden mit dem Flacon und machte keine Anstalten, die Zwiebel zurück haben zu wollen, also steckte Jakob sie kurzerhand in die Jackentasche. Dann folgte er dem Hexer zögerlich zu dessen Pferd. Misstrauisch beäugte er das hochhackige Geschöpf mit dem riesigen Schädel und den stampfenden Hufen. Bei seinem letzten Kontakt mit den Kutschpferden waren diese durchgegangen, weil seine Ängste die Scheune in Brand gesteckt hatten. Keine besonders gute Voraussetzung für ein vertrauensvolles Verhältnis.
Er beobachtete wie Reuven behände in den Sattel stieg, rührte sich aber nicht. Schließlich wies er auf das Tier. "Kann nicht... das.", brachte er beredt hervor.

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Zuletzt geändert von Jakob von Nagall am Mittwoch 13. April 2022, 21:47, insgesamt 1-mal geändert.
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Reuven von Sorokin
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Man konnte es nicht anders ausdrücken, es war etwas wie eine Glückssträhne.
Der Trick mit der Zwiebel funktionierte und nur Momente später hielt er den Flakon mit den Tränen in der Hand. Er atmete auf. Wenn er wenigstens einen Auftrag zu Ende bringen konnte...
Er steckte sich alles irgendwie in der Hose, er brauchte irgendetwas... Taschen... Wenn er die wertvollen Zutaten nur nicht verlor. Er schwang sich behände auf das Pferd. Es war ein elegantes schnelles Tier, aber der Junge wirkte nicht so schwer, eine Weile würde es sie schon beide tragen könne, allerdings...
Er konnte tatsächlich nicht Reiten?
Das erklärte auch warum das Tier zappelig wurde sobald er in dessen Nähe kam.
"Egal..." Er hielt sich nicht lange mit Erklärungen und Überredung auf, für Einfühlungsvermögen und Sensibilität waren Hexer einfach nicht bekannt. Kurzerhand beruhigte das Tier mit Axii, packten den Jungen und zog ihn mit einem kräftigen Ruck vor sich auf's Pferd. Er befürchtete, ließ er ihn hinter sich sitzen, er würde ihn wohl verlieren. Der Junge war leichter als er, aber sie waren etwa gleich groß, vielleicht war der Junge sogar eine Spur größer, deswegen war es nicht leicht an ihm vorbeizusehen. Aber vorerst musste das Pferd ja auch nur dem Weg folgen.
Doch einen kleinen Abstecher machte er noch. Zuvor hatte er nicht die Zeit gehabt, eine Wolfsfalle hatte seine Plünderung erheblich gestört. Diesesmal würde er vorsichtiger sein. Er kehrte zu dem Rastplatz der Wegelagerer zurück, hielt das Pferd an.
"Warte kurz..." Und glitt hinter Jake aus dem Sattel, befahl dem Pferd noch ganz ruhig zu stehen, und dafür zu sorgen, dass der Junge oben blieb - was es dank Axii auch befolgte.
Die Leichen lagen noch wie er sie zurückgelassen hatte, und er konnte bereits die Silhouetten von Ghulen ausmachen, die das Lager mit respektvollem Abstand umkreisten. Noch stank es zu sehr nach Mensch und zu wenig nach fauliger Leiche, doch bald schon würd sich das ändern. Sie würden noch eine Weile kreisen ehe sie sich näher heran trauten und fraßen. Das sprach für einfach Ghule, kein Alghul. Und jemand, der stank, wie Reuven derzeit fiel denen nicht mal als lebendes Wesen auf und solange se einen Bogen um das Pferd machten...
Er bewegte sich schnell zwischen den Toten, schälte einen aus seinem Waffengürtel, dem anderen nahm er eine Geldkatze ab, dem nächsten noch eine Tasche, hier noch ein schön gearbeitetes Messer, und einer hatte sogar seine Schuhgröße. die Hemden waren allerdings alle unbrauchbar. Er hatte selbst dafür gesorgt zusammen mit dem Werkater. Allerdings hätte er ohnehin keinen Wappenrock angezogen.
Dann fand er doch noch einen Gambeson, der etwas weniger blutig und durchlöchert war als sein Hemd, wenn auch genauso durchnässt. Den warf er sich über. Wenn er später nach Nowigrad ritt schossen sie ihn sonst noch auf Sicht vom Pferd, wenn er ankam wie ein Verwester.
Zuletzt schnitt er sich noch Stoff und Ledertreifen aus der Kleidung und dem zerfetzten Zelt der Desserteure um später die weiteren Zutaten, die er neu suchen musste, einzuwickeln. Schlieeßlich kletterte dann wieder hinter Jake auf's Pferd und sie setzten den Ritt fort.

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Jarel Moore
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Das Rücker Anwesen.
Jarel kannte den Ort nicht, wusste aber, dass Slava ihn kannte und somit auch wiederfand. Er wusste auch, dass Jakob hier gelitten hatte und hielt sich entsprechend in der Nähe auf, falls die Erinnerungen dem Knappen zusetzen würden.
Ohnehin hatte er darauf geachtet, sich seit dem Vorfall vor den Toren von Wyzima immer zwischen Jakob und Viktor zu bewegen. Er wollte weder, dass der ‚Gast‘ im Körper des alten Mannes Jakob zusetzte, noch das sich Jakobs Wut in Richtung des Verletzen entlud.
Der Weg hatte sich gezogen wie Birkenpech. Jarel hatte Viktor auf Mariposa reiten lassen und das wuchtige Tier geführt. Knappe und Ritter hatten gemeinsam gejagt und für zusätzlichen Proviant gesorgt. Zumindest gab es so kulinarische Abwechslung und eine gute Ergänzung zu den mitgenommenen Lebensmitteln
Die Gespräche waren nach den anfänglichen Reibereien sachlich und ruhig verlaufen. Zumindest überwiegend.
Gleich am ersten Abend hatte er Ritter den Vorschlag unterbreitet, dass sein „Gefangener“ kurz vor der Ankunft in Nowigrad „entkommen“ würde. Gegen Arvijds Idee, sich anstelle seines Ziehsohn verbrennen zu lassen gefiel Jarel aus einem schlichten und einfachen Grund nicht:
Er wollte nicht, dass der Arzt sich den Rest seines Lebens verstecken musste. Bei Nikolavo war ihm das relativ egal. Der Dämon konnte sich in der Stadt ohnehin nicht sehen lassen. Der Heiler schon.
In Ermangelung einer besseren Idee sprach sich die kleine Gruppe also in so weit ab, dass Nikolavo sich am vorletzten Tag von den Fesseln befreit und den Ritter verprügelt hatte, während sein Knappe unterwegs war die Wasservorräte aufzufüllen.
Um die Glaubwürdigkeit und untermalen, ‚frischte‘ Arvijd die Prellungen im Gesicht des Schattenläufers auf. Nach einem erst sehr zögerlichen Schlag aufs Auge und einigen Frotzeleien seitens Jarel landete der Arzt einen annehmbar kontrollierten Treffer an Jarels Kinn.
Mit dem Ergebnis zufrieden ließen die beiden Glaubensbrüder den Dämon mit den verbleibenden Vorräten und dem Versprechen zurück, dass er bald von Oberst Sokolov aufgesucht würde.
Gemeinsam mit Viktor und Arvijd legten die beiden ungleichen Glaubensbrüder den Rest des Weges zum Stadttor hinter sich, die beiden Neuankömmlinge zu Pferde, die Ritter führten die treuen Tiere.
Jarel hing wie beinahe die ganze Strecke lang seinen Gedanken nach.
Er hatte Jakob versprochen, dass er sich auf ihn verlassen konnte und betete heimlich zur Göttin und zu allen Schatten, dass er das auch einzuhalten vermochte.
Wer wusste schon, wie die Strafe für seine Verfehlung aussehen würde. Im Idealfall eine Strafe vor Ort, im weniger ideal verlaufendem Fall wurde er weggeschickt und war gezwungen, Jakob zurückzulassen. Das würde keiner der beiden gut verkraften.
Im schlimmsten Fall…den Gedanken brachte der Ritter nicht zu ende.
Noch war dieses Ei ungelegt und der Ritter schwieg.
Erst kurz bevor sie die Stadtgrenze erreichten, erhob der Ritter das Wort.
„Jakob, ich werde direkt zur Komturei reiten und von Herrenloh aufsuchen. Du bring bitte Arvjid und Viktor in der Taverne unter. Ich denke der Eisvogel wäre die passende Wahl. Und dann möchte ich dich bitten, eine wichtige Nachricht zu überbringen. An der Brücke, die nach Ferneck hinein führt findest du eine Bettlerin. Verlottert, helles strähniges Haar, so unscheinbar, dass schon fast wieder auffällt.“
Der ältere kramte an seinem Gürtel herum und warf Jakob etwas zu. Eine Silbermünze, auf der einen Seite der Buchstabe V, auf der anderen Seite ein fein punzierter Löwenkopf. Eine Münze aus Jarels Heimat. Viel eindeutiger ging es nicht.
„Sag ihr bitte, sie soll ihrem Lehnsherrn ausrichten es sind Reisende eingetroffen. Zwei im Eisvogel und einer am Rücker Anwesen.“
Jarel schluckte schwer und senkte den Blick. Zu gerne hätte er diese Nachricht persönlich überbracht, in die Raubtieraugen des Spions gesehen und seine Stimme gehört.
Aber nein. So würde das nicht geschehen. Vielleicht nie wieder. Wer wusste das schon.
„Danach kommt bitte zur Komturei.“
Er ließ Jakob keine Möglichkeit zu widersprechen, sondern fixierte ihn einfach nur aus den braunen Augen. In diesem Moment wirkte er nicht nur müde und angeschlagen, sondern regelrecht verzweifelt.
Jarel hatte es in dem Moment verbockt, in dem er Nikolavo angegriffen hatte. Und dafür musste er nun durch diese Situation durch.
Er nickte Jakob zu, half Viktor aus dem Sattel, saß auf Mariposa auf und diese setze sich in ohne sichtbares Zeichen in Bewegung.
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Jakob von Nagall
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Der Knappe war wieder in sein altes Muster gefallen und auch wenn es keinen weiteren Zwischenfall mit Viktors "Gast" gab, so war es doch, als würde allein die Erinnerung an sein früheres Dasein ihn auch wieder in das frühere Verhalten drücken. Stumm wie ein Fisch, immer am Rand von allem, still beobachtend und in sich gekehrt. Mit Viktor hatte er seit Wyzima kaum noch gesprochen, konnte der ihm doch auch kaum Aufschluss über den fremden Geist geben und reagierte außerdem äußerst abwehrend. Ihm schien die ganze Sache selbst noch nicht klar und sehr beunruhigend, sodass Jakob ihn kurzerhand damit zufrieden ließ, jedoch immer beobachtend, ob sich die blauen Augen und damit das andere Ich noch einmal zeigten.
Er war froh, dass man mit Jarel so ausgezeichnet schweigen konnte. Zumal seine Stimmung immer gedrückter wurde, je näher sie dem Rücker-Anwesen kamen. Er erinnerte sich viel zu gut an alles, was hier geschehen und hervor gekommen war. An seine Taten und Arias Schmerz. In der Konsequenz zog er sich noch weiter in sich zurück, aufmerksam zwar, was die Umgebung betraf, aber dennoch wie in einen unsichtbaren Kokon gehüllt. Sein Ritter war ständig in seiner Nähe und Jakob wich ihm fast so routiniert aus, blieb einsilbig und wirkte erst wieder entspannter, als die Ruine hinter ihnen blieb. Gemeinsam mit Nikolavo, der "geflohen" war. Jakob hatte ein ungutes Gefühl bei der Sache, schwieg jedoch auch dazu.
Zu Fuß dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis in der Ferne der Turm mit dem Leuchtfeuer auftauchte. Seine Füße schmerzten, er war sich sicher zu stinken wie ein Iltis und seine Kleider konnte man ohne Zweifel in der Ecke aufstellen. Kurzum, den Turm zu sehen mischte trotz allem Erleichterung in die Sorge. Und er schien auch für den älteren Ritter ein Signal, denn Jarel stattete seinen Knappen mit allerlei Anweisungen und einer fremdländischen Münze aus. Wem die Nachricht galt, brauchte er nicht fragen, erwiderte statt dessen den Blick seines Mentors und nickte stumm. Jarels Sorge, die leise Verzweiflung dahinter, umwaberte ihn und übertrug sich wie so vieles auch auf seinen Knappen. Was hatte er vor? Was befürchtete er?
Stumm sah er zu, wie Jarel sich auf Mariposas Rücken schwang. Wie er los ritt. Da war noch etwas - etwas wichtiges! Adrenalin stürzte in seinen Magen, seine Finger schlossen sich fest um die Münze. Ein Herzschlag, zwei, dann warf er Arvijd Sauerbratens Zügel nach oben und rannte Jarel in langen Sätzen hinterher, bis er dessen Steigbügel zu greifen bekam, sich neben dem schweren Pferd haltend, ob es nun anhielt oder nicht.
"Warte, Jarel - du wolltest eine Entscheidung von mir, bevor wir zurück kehren. Hier ist sie: Ja, ich will es lernen. Das Schattenlaufen.", leicht außer Atem.
"Und darum sehen wir uns. Später, in der Komturei. Oder woanders, egal. Verstanden?" Wie gerne er etwas tun würde, etwas wirklich bewegen können. Aber er war kein Ritter, er konnte nicht einmal Fürsprecher sein für den Rittervater, an dem ihm so viel lag. Er ließ den Steigbügel los.
"Die ewige Liebe der Heiligen Mutter Gottes mit dir.", sagte er noch leise, bevor er ihn ziehen lassen musste, um die ihm gestellte Aufgabe zu erledigen.

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Zuletzt geändert von Jakob von Nagall am Freitag 28. Oktober 2022, 21:23, insgesamt 1-mal geändert.
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Jarel Moore
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Beinahe hätte Jarel nicht bemerkt, dass Jakob ihm nachgelaufen war, so weit weg war er mit seinen Gedanken. Erst als der Knappe direkt neben ihm stand horchte er auf und Mariposa blieb stehen, wieder ohne dass der Ritter die Zügel auch nur einen Fingerbreit bewegte.
Er wollte das Schattenlaufen lernen. Von ihm.
Einen Moment noch starrte der ältere den jüngeren perplex an, dann hellte sein Gesicht sich auf.
Darum ging es nicht. Es ging nicht darum, dass sich Verstecken und Verbergen zu lernen.
Jakob hatte ihm gerade mitgeteilt, dass er bei ihm bleiben würde. Egal ob im Orden…oder wo auch immer. Er würde sogar dem Orden den Rücken kehren, wenn es sich so ergab.
Jarel schluckte, dann senkte er das Haupt leise lächelnd und langsam zu einem tiefen Nicken, beinahe schon einer Verbeugung.
„Danke.“, flüsterte der Ritter heiser und sah Jakob noch einen langen Moment an, bevor er sich nach vorne wandte und die Stute sich im gemächlichen Schritt in Bewegung setze.
Er wollte nicht mehr darüber nachdenken, was alles passieren würde und was auf sie zukam.
Jetzt, wo die Möglichkeit den Rückhalt im Orden zu verlieren so nahe gerückt war bemerkte er erst, wie wohl er sich dort fühlte. Mit Jakob an seiner Seite.
Er würde darum kämpfen bleiben zu können. Komme was da wolle.
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Nikolavo Vaclav
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von/nach: am Rücker Anwesen
Datum: Irgendwann im August 1278
betrifft: niemand direkt
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Sie waren weitergezogen und hatten ihn zurück gelassen. Für Nikolavo deutlich weniger ein Problem, also wohl für Arvijd. Dieser schien regelrecht das Bedürfnis zu haben, all die Jahre, die sie sich nicht gesehen hatten an einem Tag aufzuholen. Er redete viel, stellte viele Fragen. Irgendwann antwortete der Dämon nur noch ausweichend. Er mochte den Alten Mann, seinen Ziehvater, er gehörte zu den wenigen Menschen in seinem Leben, die er ins Herz geschlossen hatte, doch er war auch gerne allein. Früher schon in seiner Heimatstadt und auch in den 7 Jahren auf Skellige hatte er nicht unter Einsamkeit gelitten.
Die Lösung war auch nicht seine präferierte gewesen, auch wenn er nicht gerne gesehen hätte wie wieder Arvjid brannte. Das eine Mal hatte ihm gereicht. Es war furchtbar gewesen... und dennoch, man würde nun nach ihm suchen und ihn jagen. Dem Ritter und seinem Knappen mochte es egal sein und er glaubte sie hatten seinen Einwand auch einfach nicht begriffen. Es ging ihm nicht darum, dass er Angst um sich hatte, er zweifelte keinen Moment daran, dass er überwältigen konnte, wer auch immer kam um ihn zu suchen. Derjenige würde sein Ende finden.
Er würde also noch mehr Tote auf sein Gewissen laden...
Aber er war letztlich überstimmt worden. Genaugenommen nur von Jarel.
Aber es war nun wie es war.
Er würde sich hier einrichten. Sie hatten ihn an einem Anwesen abgesetzt, dass weit genug entfernt war von der Zivilisation um ihn in Sicherheit zu halten.
Es hatte allerhand grausiges hier stattgefunden, das jedoch hatte ihm keiner mitgeteilt, auch wenn er dem Blick des jungen Menschen hatte entnehmen können, dass seine Erinnerung daran nicht die beste war.


Das Rücker Anwesen war nicht der schlechteste Ort um zu verweilen.
Nikolavo hatte, nachdem die Menschen abgereist waren, begonnen aufzuräumen. Natürlich waren ihm irgendwann die Gräber aufgefallen und er hatte auch die Spuren im Keller gefunden, die Umbettung, deren Folgen keiner beseitigt hatte. Die Bodenbretter in der Küche waren immer noch aufgerissen und er konnte auch sehen, wo die beiden Toten gelegen haben mussten. Mit etwas Phantasie konnte er sich vorstellen, was hier vorgefallen war. Sehen konnte er, dass jemand nun alles ins Reine gebracht hatte.
Auf dem Hof floss Magie, ganz in der Nähe konnte er eine Quelle spüren, nicht seine Form der Magie, aber stark, er würde sie vielleicht sogar nutzen können. Und sie war stark genug, dass sich der Aufruhr immer noch abzeichnete wie eine Geruchsspur. Doch die Wogen glätteten sich längst. Dass er das früher nicht spüren konnte und wie die Magie dieser Welt ihn veränderte, das würde er erst sehr viel später begreifen, auch wenn manches bereits jetzt schon eingetreten war.
Zunächst aber war er mit ganz weltlichen Aufgaben eingedeckt.
Er besserte den Fußboden aus, in der Scheune fand sich dazu genug Material, reparierte das Dach und besserte alle Stellen aus an denen es durchzog. Er dichtete auch die Balken des einfachen Holzhauses mit Moos und Fellen ab, holte was irgendwer aus welchen Gründen auch immer in den Keller geschleppt und dort zerschlagen hatte wieder ins Haus und reparierte alles so gut es ging. Auf diese Weise war das Anwesen fast wieder wohnlich, wenn man menschliche Maßstäbe anlegte und für ihn mehr als genug. Er trug Stroh zusammen und bezog es mit dem Bettzeug, und nannte so ein durchaus annehmliches Bett sein eigen.
Nachdem alles unbewohnt und unbeansprucht schien suchte er sich natürlich das Haupthaus als Wohnstatt aus, warum auch nicht.
Sollte jemand vorbeikommen und zurückfordern konnte man über alles reden.
(Und er meinte das durchaus ernst. Meist war er sich seines bedrohlichen Äußeren nicht einmal bewusst.)
War er hungrig, so jagte er im Wald - angrenzend wäre der falsche Ausdruck gewesen, das Anwesen war lange genug verlassen, dass es der Wald beinahe schon wieder verschluckt hatte. Wild gab es genug und so hatte er sein Auskommen.
Einzige den Brunnen musste er abtiefen ehe er wieder Wasser schöpfen konnte, denn das Grundwasser was abgesunken.
Doch auch das gehörte zu den Arbeiten, mit denen er durchaus fertig wurde.
Das einzige, was er stehlen musste war Kleidung.
Hier würde sich in den nahen Dörfer jemand wundern, dass zwar eine Hose fehlte und dort ein Hemd und wieder wo anders Stiefel oder eine Jacke, dafür fand man einmal ein frisches Otterfell, einmal einen fetten Hasen oder auch mal ein Reh. Ein fairer Tausch, wie er fand, den jedoch keiner mit ihm direkt eingegangen wäre, Angesichtes seiner glühenden Kohleaugen.
Wozu er dennoch Kleidung braucht, obwohl ohnehin kaum mit Besuch zu rechnen war?
Alte Gewohnheit vielleicht?
Das Gefühl jede Zivilisation zu verlieren, rannte er nackt durch die Wälder.
Aber Zeit, nachzudenken und über solche Fragen nachzusinnen war genug vorhanden.
Über die Zone, aus der er gekommen war, den Weg von den Skellige Inseln hier her.
Die sieben Jahre auf Farö waren ruhig gewesen und er hatte viel gelernt auch über das was man hier Sphärenkonjunktion nannte und was er als den Weltenschleier kannte. Aber vielleicht war es doch nicht ganz das gleiche. Waren die Welt der Dämonen und Feen nicht die gleiche Welt wie seine und nur zerbrochen und diese eine ganz andere?
Diese Welt unterschied sich merklich von seiner Heimat und war doch vertrauter als andere, wie jene die die Zone beherbergte. Deren Welt war dagegen grausam und furchtbar korrumpiert gewesen. Nicht nur die Magie, auch wie sich die Menschen gegenseitig behandelten war von einer ausgesuchten Härte und Kälte gezeichnet die ihresgleichen suchte.
Natürlich tat es ihm leid um Amir, er hätte gerne gezeigt, dass er auch in der Lage war, einen Menschen zu retten, aber so gesehen war es besser... je weniger dieser Menschen hier her gelangten umso besser war es vermutlich für diese Welt. Und damit war diese Episode für ihn auch schon abgeschlossen. Die furchtbare Magie war nun fern und auch Viktor hatten sie weggebracht. Er nahm nicht an, dass er ihn wieder sehen würde.
Er hoffte nur, das Arvijd ihn besuchen käme, immerhin war Nowigrad nicht einmal einen Bruchteil der Strecke entfernt die damals ihrer beider Heimatstädte voneinander entfernt gelegen hatten. Er musste nur darauf achten, dass ihm keiner folgte.
Und dann... einen Gedanken konnte er nicht zur Gänze abschütteln.
Emyja und Carolyn.
Wie sehr er sich auch darauf stürzte, den Hof instand zu halten und sich hier ein Leben aufzubauen, es kam immer wieder der Moment, der ihn daran erinnerte was er in den letzten Augenblicken in der Zone gesehen und begriffen und im gleichen Moment verloren hatte.
Seine Tochter.
Einmal, er hatte gerade die Gräber entdeckt, und eines war deutlich kleiner und lag unmittelbar neben einem Großen. Das brachte ihn zum Schlucken und eine ganze Weile verharret er davor, starrte nur auf den schmucklosen Haufen aus Erde und Steinen unter denen zweifellos die Knochen eines Kindes ruhten.
Ein anderes Mal fand er eine Holzpuppe in der Scheune, oder eine Kinderwiege im Dachboden, morsch und bereits halb zerfallen beides. Jedes Mal verharrte er, starrte und war nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen.
Er hatte ja nicht einmal die Chance gehabt sie kennenzulernen. Sie starb ehe sie leben konnte und er war nicht da gewesen.
Das waren die Momente, in denen er das Schicksal und alle Götter verfluchte, die ihm einfielen. Und die Liste war lang, er war belesen. Und jeden von ihnen bedachte er mit einer ausgesuchten Menge an Schimpfwörtern, dass sie nicht eingeschritten waren und ihm keine Chance gaben.
Er vermied es jedoch tunlichst den Hof erneut zu zertrümmern oder in seine Dämonengestalt zu wechseln, allein weil er damit jedes Mal die Kleidung zerstörte, und es war hier schwer wieder an neue zu kommen.
Einen kurzen Moment wollte sich ein Lächeln auf sein Gesicht stehlen als er daran dachte wie damals Emyja als er hatte fliehen müssen ihm jenes schwarze Hemd mit den roten Nähten gebracht hatte, weil sie boshaft meinte, es passe zu seinen Augen.
Doch das Lächeln starb und hätte er so leicht weinen können, er hätte es vielleicht getan. Das Hemd hatte er nicht mehr und wo Emyja sein mochte...
Vielleicht war sie hier, vielleicht auch nicht.
Aber er machte sich keine Illusion, war sie es, die es hierher geschafft hatte, dann wollte sie sicher alles andere als ihn wiederzusehen. Er hatte sie im Stich gelassen mit dem Kind. Auch wenn nicht absichtlich, das aber spielt dann keine Rolle. Er wollte sich ihre Wut und ihren Schmerz gar nicht vorstellen, und an beidem trug er die Schuld. Hätte er damals schon begriffen, wäre er damals nicht weitergeritten...
So schob er den Gedanken ein ums andere Mal beiseite und fuhr fort sein Leben hier in der Einsamkeit zu fristen.
Der dämonische Einsiedler im Rücker Anwesen.
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