Stadtteil | Tempelinsel - Der Orden der Flammenrose - die Komturei in Nowigrad

Einst war Nowigrad ein Teil Redanien, lange Zeit konnte die größte Stadt der Welt und zweifelsohne auch die reichste den Status einer freien Handelsstadt halten, nach den letzten Kriegen aber ist sie wieder mehr oder weniger inoffiziellen zur Hauptstadt der freien Nordländer, vor allem Redaniens geworden seit Dijkstra als Regent von hier aus die Fäden zieht.
Als Heimat des Kults des Ewigen Feuers hat in der Stadt allerdings auch das Wort des Hierarchen Gewicht.
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Jarel Moore
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Das Glück hatte Jakob nicht.
Der Ritter hatte sich beim Läuten der Glocken erhoben und in die letzte Reihe verkrochen.
Seiner Übelkeit wegen hatte er sich beim Gesang enthalten. Zudem war er lieber seinen Gedanken nachgegangen, statt sich der Liturgie zu folgen.
Und dann folgte die Anklage, holte ihn aus seiner wattigen Wolke, warf ihn zu Boden und trat ihm in die Nieren.
Ein Teil von Jarel begann grölend zu lachen, bis er keine Luft mehr bekam und ihm die Tränen in die Augen schossen. Bis er sich am Boden rollte, vor den Augen seiner Brüder und seines Schwertherren und nicht mehr in der Lage war, das Lachen aufzuhören. Nie wieder.
Ein Teil von ihm sah sofort die Schuld bei sich. Er hatte sein Glück über das seines Knappen gestellt. Und der Fluch der ihn in dem Traum im Wald in Wyzima getroffen hatte griff nun auf Jakob über.
Die Übelkeit schwappte hoch und er musste durchatmen, sich nicht an Ort und Stelle zu übergeben.
Zum Glück waren beide Teile im Griff des Ritters, der stocksteif und still die Messe abgewartet hatte und sich nun aus dem Schatten des Gebäudes schälte, kaum dass der Knappe sich in Bewegung setzte um ihn zu suchen.
„Jakob.“, rief er ihn und ging langsam auf ihn zu.
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Jakob von Nagall
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Jarels Bass untertunnelte das Stimmengewirr und das stetige Knirschen und Rauschen des großen Feuers, um dann wieder an Jakob hoch zu kriechen und diesen sogleich den kopf in die richtige Richtung wenden zu lassen. Einerseits gut, so musste er ihn nicht suchen, andererseits hatte er jetzt kaum noch Zeit, darüber nachzudenken, wie er das nun wieder erklären sollte. Er ließ Henselt stehen und war mit wenigen Schritten bei seinem Mentor, griff nach seinem Ellenbogen und zog ihn mit sich Richtung Portal. "Kein Ton. Ist 'ne längere Geschichte.", kommentierte er nur. Und plötzlich, sehr verspätet, kroch ihm sengende Hitz den Nacken hinunter. Eines hatte sich seit seiner Ankunft hier kaum geändert: es interessierte ihn relativ wenig, was andere Menschen von ihm hielten, wie sie über ihn dachten und welches Bild sie sich von ihm strickten. In der Hinsicht hatte er sich kaum verändert und war auch weiterhin schwer auf diesem Kanal anzusteuern. Konträr dazu hatten sich aber zwei Dinge entwickelt oder geändert: erstens interessierte es ihn immens, welches Bild ein spezieller Ritter von ihm hatte und zweitens bemühte er sich ebenfalls genau dieses Ritters wegen um halbwegs gutes Benehmen, denn wenn ihm sein eigener Ruf ziemlich schnuppe war, so wollte er doch den seines Rittervaters nicht mit seinem schwärzen. Nach der Episode heute Morgen musste er dieses Konzept zwar wohl neu bearbeiten, aber grundsätzlich war es erst einmal so. Entsprechend wirkte er einen Moment lang dann doch angemessen zerknirscht, als sie zwischen den anderen Rittern hindurch ins Freie traten.
Jakob schlug ganz automatisch den Weg entlang der Mauer ein, den sie schon viele hundert Mal gegangen waren. Meistens um über genau solche Dinge zu reden, obwohl es bisher Kleinigkeiten gewesen waren. Gut, abgesehen von einem Schuss auf eine Wurst und einem brennenden Loch voller Scheiße. Wobei Jakob immernoch darauf bestand, dass Letzteres ein Unfall gewesen war. Doch beides waren nur Dummejungenstreiche im Vergleich.
Die Morgensonne warf inzwischen lange Schatten zwischen die Gebäude und Jakob streifte die Kapuze vom Kopf, an dem sein Haar noch immer verschwitzt von der morgendlichen Übung klebte. Der Habit hatte immerhin weiter Ärmel, in denen man die Hände vergraben konnte, wenn schon keine Taschen. Mit so vor dem Bauch verschränkten Armen, wirkte der Knappe wirklich sehr mönchig, wie er stillschweigend neben seinem Ritter einher schritt. Er dachte angestrengt nach, sortierte Sätze und suchte den richtigen Ansatz. Eigentlich hatte er nach der Messe über etwas anderes reden wollen, doch statt Ankläger zu sein, war er nun Angeklagter. Es war fast zum Lachen. Und tatsächlich schnaubte er kurz, während ein schiefes Grinsen seine Lippen verzog.
"Und da sag noch mal einer, dass Gott keinen Humor hat." Endlich warf er Jarel einen Seitenblick zu. Irgendetwas hatte dem Knappen tatsächlich einen gewissen Galgenhumor eingeimpft. Er seufzte, blickte zum Himmel und beobachtete zwei Schwalben, die in wilden Manövern durch die klare Luft zischten. "Weißt du, das Schöne daran ist, dass ich die nächsten Tage Dienst beim Hufschmied gehabt hätte.", den jetzt der gute Plenius ableisten durfte. Vielleicht hatte der ja Spaß daran, von ungeduldigen Pferden getreten und dem cholerischen Hufschmied zusammengestaucht zu werden.
Noch ein Durchatmen, ein leichtes Kopfschütteln und ein weiterer Seitenblick. "Glaubst du ihm?"
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Jarel Moore
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Jarel folgte Jakob. Er ging steif und wirkte angespannt.
In der Situation kein Wunder. Jakob konnte ja nicht wissen, was in dem älteren Vorging, wusste nichts von dem Traum und nichts von den verqueren Überlegungen, die dem Ritter das logische Denken immens erschwerten.
In Jarels Augen war es nicht Gott, der ihn da ihn da mit einem derben Humor prüfen wollte.
In seinen Augen steckte etwas völlig anderes dahinter.
Jarels Kiefermuskulatur spannte sich hart unter der etwas zu blassen Haut und auch bei Jakobs Bemerkung reagierte er kaum positiv. Auch wenn er wusste, dass der Junge damit die Situation auflockern wollte.
„Ich glaube dir.“, erklärte Jarel fest.
„Auch wenn von Herrenloh vielleicht misstrauisch ist. Nachdem ich bereits kurz vor der elften Stunde bei ihm war.“ Verdammt, hätte er sich mehr um den Knappen gekümmert als um seine eigenen Belange, wäre das nicht passiert.
„Was ist wirklich passiert?“, wollte er wissen.
Immerhin schaffte er es seine Unsicherheit aus seiner Stimme raus zu halten. Das leichte Zittern passte zumindest gut in die Situation.
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Jakob von Nagall
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Jarel war nicht nach scherzen zumute und Jakob zog bei seinen Worten kaum merklich den Kopf ein. Elfte Stunde. Bravo, direkt weiter in die Scheiße geritten. Vielleicht sollte er seine Notlügen das nächste Mal mit seinem Ritter abstimmen... Was war also wirklich passiert. Er überlegte einen weiteren Moment lang, wo er anfangen sollte - am gestrigen Morgen oder lieber gleich beim Punkt. Er entschied sich für Letzteres, schaute sich aber vorsichtshalber noch einmal nach dem Tempel um. Doch sie waren allein. Jakob senkte die Stimme trotzdem ein wenig.
"Henselt ist...", und schon stockte er, denn er musste feststellen, dass ihm das Wort in der Gemeinsprache fehlte. "...er hat Anfälle. Überreaktionen im Gehirn, mal mehr, mal weniger. Seine Familie hat ihn eigentlich zu den Priestern geschickt, nachdem die Exorzisten zu Hause keinen Erfolg hatten. Die haben alles nur schlimmer gemacht." Seine Stimmlage machte deutlich, was er davon hielt. "Er hat sich für den Orden gemeldet, einen Monat nach meiner Vereidigung und ist mir direkt bei seinem ersten Lauf auf der Blutschinde vor die Füße gefallen." Kurz huschte sein Blick zu Jarels Profil, bevor er ihn wieder auf den Weg fallen ließ. "Wir haben ein bisschen experimentiert und wissen einige Dinge, die er vermeiden sollte. Überlastung, starke Schmerzen, Fackellicht... Lief bisher ganz gut. Außer mir und seinem Ritter weiß niemand davon, weil der Weg sonst direkt wieder zu den Exorzisten geht. Grad die totalen Ausfälle sind schon... spannend."
So ausgesprochen hörte es sich total bescheuert an. Für seine Ohren, die in einer modernen Welt gewachsen waren.
"Gestern hab ich ihn bei den Waschzubern gefunden. Man darf ihn bei so einem Anfall nicht festhalten, sonst dreht das Gehirn völlig durch. Also hab ich nur seinen Kopf gehalten und gewartet. So mach ich das immer. Dann kam dieser Idiot dazu und macht so eine Geschichte daraus. Ich kapier einfach nicht, was ihm das bringt. Ich kannte ihn bis gestern noch nicht mal." Hemmelfart - den Namen kannte er natürlich. Aber was sollte der denn bitte von ihm wollen? Sie hatten nicht mal ein Wort gewechselt und schon versuchte er ihn zu denunzieren.
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Jarel Moore
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„Hast du deswegen seine Strafe auf dich genommen? Damit er nicht vor versammelter Mannschaft den nächsten epileptischen Anfall bekommt?“ Ja, die Krankheit gab es auch in seiner Heimat. Und da gab es sogar Medikamente, die die Anfälle unterdrückten. Und einer der Männer, die vielleicht mehr darüber wussten war just hier angekommen. Aber bevor er seinem Knappen falsche Hoffnungen machte, musst er das alles erst einmal bestätigt wissen.
Jarel war stehen geblieben, hatte den Kopf gedreht und sah Jakob nun an. Die Spur eines Lächelns lag auf seinen Lippen. Und neben der Panik ein guter Schuss Bewunderung in seinem Blick und nun auch in seiner Stimme.
„Möchtest du, dass ich mit von Herrenloh darüber rede? Oder halten wir darüber Stillschweigen?“ Er überließ Jakob die Wahl. Er hatte ihm etwas anvertraut. Hatte sicherlich ein Versprechen gebrochen dafür. Dann sollte er auch wählen dürfen, was weiter geschah. Mit diesem Wissen konnte er die Strafe von von Herrenloh abwenden lassen. Und Jarel glaubte nicht daran, dass der Großkomtur aus der Sache mit der Epilepsie einen Fall für den Exorzisten oder Henselt verbannen würde.
Aber die Freundschaft der beiden wäre damit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Geschichte. Und war es das wert? Wie viel war wahre Freundschaft in einer fremden Welt wert?
Die zu Ljerka würde er niemals verlieren wollen. Und er ahnte, Jakob ging es ähnlich.
„Zwölf Hiebe, Jakob. Hältst du das durch?“ Die nächste Frage war eine rhetorische. Er würde das durchhalten. Der Junge war zäh wie Ziegenleder.
„Den jungen Hemmelfart…halte dich fern. So fern du kannst. Seine Familie...“ Er zögerte, presste die Lippen zusammen und schwieg dann doch. Dieser Hinweis musste dem Knappen reichen.
„Halte dich fern. Ich versuche herauszubekommen, was er hier will und warum er es auf dich abgesehen hat.“ Er hoffte und betete nur, dass es dabei nicht um ihn ging.
Hemmelfart. Ausgerechnet Hemmelfart. Wieder kamen dem Schattenläufer die Worte aus dem Traum in den Sinn und mit ihnen war die Übelkeit schlagartig wieder da.
An diesem Morgen war er in einer für ihn beinahe heilen Welt aufgewacht. Jetzt war davon einiges wieder in einem tosenden schwarzen Meer aus Chaos versunken.
Trotzdem hatte er Möglichkeiten. Und die würde er nutzen.
Und wenn Jakob in Klausur ging würde er zudem nicht mitbekommen, worin sich sein Ritter verstrickt hatte. Tief verstrickt hatte.
Und irgendwie war er froh darüber. Dann war der Junge wenigstens in Sicherheit.
Der Ritter seufzte, hielt aber den Blick in Jakobs helle Augen aufrecht.
Guter Junge. Der beste, den er sich vorstellen konnte.
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Jakob von Nagall
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"Epi-lep-tisch.", echote Jakob leise, einer Angewohnheit folgend, die er hier angenommen hatte. Zumindest wenn er mit sich oder Jarel allein war. Und: "Epi-lep-sie... Epilep-...tin?" Leitete er sich die Hauptwörter ab. "Epileptiker.", murmelte er die Korrektur und bei all dem nickte er bestätigend. Wegen Henselt. Dann wieder ein Kopfschütteln. Kein Wort zu von Herrenloh. Weiteres Nicken. Er hielt das aus und Fernhalten von Plenius. Ihre einseitige oder auch nonverbale Kommunikation entwickelte sich täglich weiter, sodass Jakob nun auch einfach in der Mitte anfing.
"Kommt drauf an, wer am anderen Ende hängt. Immerhin die Rute und nicht die Peitsche." Ja, da konnte er bereits differenzieren. Aber zwölf waren viel, schon richtig. Sechs war meistens die Grenze und bei der gab es nur Striemen. Zumal die Haut an Jakobs Rücken vernarbt und buchstäblich zäh war. Zwölf. Er zuckte mit den Schultern.
"Ich komm klar. Aber wenn Henselt vor allen einen Anfall hat, schickt von Herrenloh ihn mindestens entweder nach Hause oder zu den Ordensbrüdern. Aber er will Ritter werden, seiner Familie zeigen, dass er nicht wertlos ist und nicht besessen. Und wenn du mit ihm redest und er die Strafe aussetzt...", er beendete den Satz nicht sondern hob nur die Schultern. Jeder wusste wer Jarel war und das wiederum bedingte gewisse Hürden, die andere Knappen nicht hatten. Er wollte sich nicht raushauen lassen, auch wenn er im Recht war.
Jarel blieb stehen und zwang damit auch Jakob zum bremsen. Er schaute schon wieder so... umso weniger würde ihm gefallen, was Jakob seit dem Morgen auf der Seele brannte. Seine Brauen zuckten leicht zueinander, während er Jarels Blick ebenso fest hielt wie dieser den seinen. Einmal durchatmen musste er allerdings doch, bevor er den Mut fand.
"Wo wir bei von Herrenloh, diesem Hemmelfart und den anderen Ritterbrüdern sind...", ganz abgesehen von ihm... "Sieh meine Strafe als Warnung - ich denke, ich kann es akzeptieren. Irgendwie. Aber das Göttliche nicht - nicht hier. Nicht auf dem Boden dieses Heiligtums. Und da ist auch meine Grenze, Jarel - ich will ihn hier nicht mehr sehen." Obwohl sie allein unterwegs waren, hatte er die Stimme gesenkt. Er mochte mit einen paar Hieben und salbungsvollen Worten davon kommen, aber bei einem vereidigten Ritter sah die Sache sicher ganz anders aus. Und außerdem fühlte es sich wie ein Einbruch an in etwas, was ihm wichtig und heilig war. Slava und was er darstellte gehörten einfach nicht hierher. Die Komturei, die Bruderschaft in ihrem Glauben, das Haus an der Mauer und nicht zuletzt Jarel waren ihm Familie und Hafen, ein fester Rahmen mit eisernen Gesetzen, die ihm die Richtung wiesen und allmählich neue Wurzeln gaben. Das würde er sich nicht untergraben lassen. Und wenn er ehrlich zu sich wäre, dann würde er sogar ein Fünkchen Eifersucht in all diesem Chaos erkennen.
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Jarel Moore
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Der Ritter hatte den Blick nicht abgewandt, und so wenig bered er an diesem Morgen auch war, seine Körperhaltung sprach Bände.
Bei Jakobs Rüge senke er das Haupt und den Blick eine Winzigkeit. Er wurde zwar nicht rot und - bei allen Schatten- könnte er die Zeit zurückdrehen, er würde es wieder tun. Genau so, denn diese Nacht hatte viele Wunden geheilt und ihm Zuversicht geschenkt. Und dass, obwohl die Anklage seines Schützlings ihm mehr Sorge bereitete als er nach außen hin zeigte. Nur nicht aus dem vom jungen mann vermuteten Grund.
Jakob hatte Recht. Er hatte nicht nur seine Zukunft riskiert – und egal wie wundervoll diese Nacht gewesen war – sondern auch die des Jungen. Von dem seltsamen Traum einmal abgesehen.
„Du hast Recht.“, stimmte er also schlicht zu.
„Ich habe im übrigen einen Auftrag vom Großkomtur und einen weiteren…“, er senkte die Stimme ebenfalls, wandte aber den Blick nicht ab. „…nennen wir es einen privaten. Ich werde wieder da sein, wenn du aus der Klausur zurück bist.“, orakelte er und hielt das Gespräch damit für beendet.
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Jakob von Nagall
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Jarel wirkte tatsächlich, als hätten Jakobs Worte einer Rüge geglichen. Stimmte ja eigentlich auch, aber dem Knappen kam es wie vertauschte Welt vor. Er wollte endlich wieder den normalen Gang der Dinge - diese vertauschten Rollen machten ihm zu schaffen. Wann war er denn zum Starken, fest stehenden Part in dieser Beziehung geworden? Er ließ die Schultern etwas hängen und nickte unbestimmt. Dann wechselte Jarel das Thema und beendete damit implizit ihr Gespräch. Wieder wollte Jakob nur nickten, dann aber fiel ihm ein: "Denkst du, du wirst zurück sein, wenn der Bewahrer seinen Feuer-Hokuspokus abzieht?" Er versuchte lässig, fast abschätzig zu klingen, doch eigentlich war es müßig, Jarel etwas vormachen zu wollen. Der Ritter wusste genau, wie gut Jakob mit diesen rituellen Reinigungen zurecht kam, die immer mit Feuer zu tun hatten und Strafen abschlossen, die rein spirituell waren. daher waren ihm körperliche Strafen auch tausend Mal lieber als Gebete und Fasten. Bei ersteren war die Sache dann wenigstens vorbei, bei letzteren kam immer noch Voodoo hinterher. Jakob spottete verbal gern darüber, aber seine Ängste hatte er noch lange nicht im Griff und der Gedanke an eben dieses Voodoo allein, ließ ihn trotz der wärmenden Sonnenstrahlen frösteln. Der Gedanke, da allein durch zu müssen, ohne sich - wenn auch nur mit Blicken - an seinem Ritter festklammern zu können, behagte ihm ganz und gar nicht. Aber er hatte wohl keine Wahl - wenn es so kam, dann kam es so.
Betont lässig winkte er sogleich ab. "Na egal, hab deinen Spaß ruhig ohne mich, während ich mich zu Tode langweile. Aber jetzt brauch ich was zu essen, ich lauf' auf Reserve. Sonst kipp ich nachher aus den Latschen. Das wär dann doch peinlich." Er grinste schief. Aber Einheiten wie die heute Morgen fraßen tatsächlich immer ziemlich schnell Löcher in seine Konstitution, was er inzwischen deutlich fühlen konnte. Er versuchte dennoch munter zu klingen, als er anfügte: "Dann bis nachher.", bevor er Kehrt machte und entgegen seinen Worten im Laufschritt Richtung Hauptgebäude trabte.

Die Mittagsstunde kam für Jakobs Geschmack viel zu schnell, andererseits wäre er froh, es möglichst schnell hinter sich zu bringen. Als er den Vorplatz betrat, hatte sich ein ansehnliches Publikum eingefunden. Lieber wäre ihm gewesen, die Ritterbrüder und ihre Knappen würden sich um ihr Tagesgeschäft kümmern, aber scheinbar war seine Bestrafung eine anziehende Attraktion. Jakob versuchte ruhig zu bleiben, aber als er vor von Herrenloh und Tyssen trat, zitterten ihm die Hände und war jeder seiner Muskeln verkrampft. Immerhin Tyssen. Der prügelte nicht so wüst wie andere unter den Richtern.
Eigentlich war der Richtplatz sogar ganz hübsch. Von der brusthohen, T-förmigen Holzkonstruktion aus, vor die Jakob treten musste, konnte man auf das offene Meer hinaus blicken und von dort wehte der Wind salzige Luft heran. Wenn man so hinaus sah, könnte man fast vergessen, dass jamend darauf wartete, einem das Fell zu gerben. Aber nur fast. Der Knappte streifte das Hemd über den Kopf, ließ es neben der Konstruktion fallen und legte die Hände auf die Arme des T. An Strafen wie diese hatte er sich hier erst gewöhnen müssen, auch wenn körperliche Züchtigung ihm nicht fremd war. Allerdings war es für ihn bisher nur die Selbstkasteiung gewesen und dabei konnte man sich auf den nächsten Schlag vorbereiten, denn man führte ihn selbst, bestimmte Zeitpunkt und Härte. Fremdbestimmt war anders. Immer schmerzhafter und die eigenen Reaktionen schwer zu regulieren. Immerhin hatte er solche Strafen bisher noch nicht allzu oft aufgebrummt bekommen und wenn dann weniger intensiv.
Zwölf Hiebe.
Er fasste das Holz fester, schloss die Augen und begann damit, einen Rosenkranz zu beten. Schweigend, lediglich seine Lippen bewegten sich leicht, kamen nur kurz ins Stocken, wenn die Rute ihn traf. Jakob fiel in den Automatismus der Geißelung, löste sich vom Schmerz und folgte im Geist den Gebeten seiner Kindheit. Schweiß rann ihm aus allen Poren, seine Muskeln zuckten, doch er spürte kaum, dass irgendwann das erste Blut in seinen Hosenbund sickerte. Er presste die Zähne aufeinander und ab und an gab er einen gequälten Laut von sich, doch all das waren reine Reaktionen des Körpers. Sein Geist war woanders. Er bemerkte nicht mal, als die Hiebe aufhörten.
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Jarel Moore
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„Jakob?“ Er nahm die Stimme kaum war.
Die Schläge waren vorüber. Jarel hatte die ganze Zeit in mittelbarer Nähe gestanden und nicht einmal mit der Wimper gezuckt, keine Regung gezeigt, keine Sekunde weggesehen.
„Jakob…“ Der Ritter nahm den Knappen an den Schultern und zog ihn sachte von hölzernen T weg.
„Komm.“, sagte er leise, tröstend und warm, auch wenn er wusste, der Junge konnte ihn nicht hören.
„Ich bring dich rein.“
Der ältere lenkte den Jüngeren wie eine Puppe, sah niemandem in die Augen. Ganz bewusst, denn er wusste genau wie seine Augen jetzt aussahen. Und er wusste auch, an wem er diese Art Wut und den Hass auslassen würde. Wusste es ganz genau. Noch heute Abend.
Die Gänge kannten beide im Schlaf und niemand stellte sich ihnen in den Weg. Niemand sprach sie an. Ob es am Blut auf dem Rücken des Knappen lag oder daran, auf welche Art der Ritter neben ihm geflissentlich auf den Boden starrte, die beiden hatten Ruhe.
Der Ritter wusste, in welchem Raum Jakob untergebracht wurde. Immerhin war er dort allein. Vorsichtig sorgte er dafür, dass sein Schützling sich auf die Pritsche setzte und ging dann vor ihm in die Knie, sah ihm in die Augen.
„Jakob, wir sind da. Ich darf nicht lange bleiben.“ Er strich dem Jungen eine Strähne aus dem schweißnassen Gesicht. „Ich werde wieder da sein, wenn die Reinigung stattfindet, hörst du? Ich werde da sein.“
Noch immer blieb sein Gesichtsausdruck kalt und steinern, aber seine Kiefermuskeln zeichneten sich so hart ab, dass man einen Armbrustbolzen damit hätte abschießen können.
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Jakob von Nagall
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Einen Fuß vor den anderen setzend war er Jarel wie in Trance gefolgt, doch er tauchte schneller auf, als ihm lieb war. Sein Rücken brannte schrecklich, ein Schmerz, der ihm am ganzen Körper Gänsehaut bescherte. So weit hatte es keine der Strafen bisher getrieben, denn offene Wunden riskierte man einfach nicht gern, wenn man denjenigen später noch als Mitstreiter haben wollte. Jakob blinzelte, als Jarels Finger beim beiseite schieben der Strähne leicht seine Stirn streiften und der Blick des Knappen fand erstaunlich schnell zu Klarheit. Er ließ sich einfach etwas nach vorn sinken, sodass seine Stirn die seines Rittervaters berührte.
Jakob schloss einen Moment die Augen. "Danke. Für alles. Und pass auf dich auf."
Doch so schnell und für Jarel vielleicht überraschend, wie dieser Moment kam, so schnell löste Jakob ihn auch wieder auf, indem er sich aufrichtete und dann bäuchlings auf der Pritsche ausstreckte. Nicht ganz lautlos. Aber die Muskeln zu entspannen, tat einfach gut. Der nächste Blick, den Jakob Jarel schenkte, war schon wieder aufmüpfiger. "Kannst du mir was zu schreiben organisieren?" Obwohl sie beide wussten, dass er nichts außer Wasser, trockenes Brot und seine Gedanken bei sich haben durfte.
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Jarel Moore
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Dem Ritter stockte der Atem. Ehe sich Jakob ihm entzog, legte er ihm eine Sekunde lang die Hand auf die Wange.
„Schlaf. Wenn du erwachst, wird alles da sein.“, versprach der Ritter und erhob sich.
Die Dunkelheit in seinem Blick war in dem Moment erloschen, als die vom Schweiß bereits wieder kühle Stirn des Jungen die seine Berührt hatte.
Doch er wusste, er würde sie rufen kommen. Die Wut, den Hass und die damit einhergehende Energie.
Er ging zur Tür , schob leise die Tür ins Schloss.

Hier gehts weiter.
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