Außerhalb von Wyzima, ein Wald

Wyzima ist/war die Hauptstadt von Temerien und Herrschersitz von König Foltest. Von hohen Stadtmauern umgeben, liegt sie an den Ufern des Wyzimasees; die Ismena fließt durch Wyzima und mündet in diesen. Das Bier "Wyzimas Gold" wird hier gebraut.
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Jakob von Nagall
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Registriert: Sonntag 7. November 2021, 10:18

Was hatte er ihm angetan?
Jakob verharrte in seiner manchmal fast beunruhigend zu nennenden Reglosigkeit und da war sie wieder, die Mauer, aus der speziell hier in Wyzima bereits dutzende Steine heraus gebrochen waren - an dieser Stelle gab es allerdings bisher keine Bresche und Jakob verschwand fast reflexhaft dahinter. Denn die Dinge zu benennen, hieße die Erinnerung zuzulassen und das würde er wie immer so lange vermeiden, bis es nicht mehr anders ging. Er hätte sowieso nicht gewusst, was es bringen sollte, all die Nächte und Tage zu zählen, in denen man ihn nicht hatte schlafen lassen. Das zielsichere Spiel mit seinen Ängsten. Die Strafen, die Schikanen und Psychospielchen. Er wollte nicht mehr daran denken, denn es gehörte zu einer anderen Welt und einem anderen Ich. Eigentlich hatte Jarel ja Recht: welche Macht hatte der andere Ritter hier schon noch?
Trotzdem bekam der Ausdruck des jungen Menschen wieder diese leere, störrische Kälte, die in letzter Zeit zwar selten geworden, aber nie gänzlich verschwunden war. Die Erwähnung einer möglichen Seelenwanderung ließ ihn allerdings den Blick wieder auf den Mann am Feuer richten und sich spontan bekreuzigen. Die Seele, das wichtigste Gut eines jeden Christen... aus dem sterblichen Leib gerissen und statt zum Schöpfer in einen fremden Körper gesperrt. Und was passierte mit dem ursprünglichen Körper?
Die Lippen zu einem dünnen Strich gepresst, beobachtete er Viktor noch einen Moment und entschied sich dann, nur die letzte Frage zu beantworten.
"Ich schwöre, meine Rede, meine Kräfte und mein Leben in die Verteidigung des Bekenntnisses des in den Mysterien des Glaubens gegenwärtigen Gottes zu heiligen. Ich gelobe dem Großmeister des Ordens Unterwerfung und Gehorsam.", zitierte er sehr leise, dann blickte er Jarel endlich wieder in die Augen.
"Er ist mein mir vom Großmeister angeschworener Rittervater. Ich habe ihm Treue und Gehorsam zu leisten, bis das Brandmal auf meinem Hals ist." Wer wenn nicht Jarel sollte verstehen, was das bedeutete? Im Grunde hatte er seinen Treueeid gleich zweifach gebrochen, doch das wurde ihm erst jetzt bewusst, da er sich jäh mit der Option konfrontiert sah, man könnte nach ihm suchen. Der Ausdruck der hellen Augen bekam etwas hilfesuchendes.
"Er kann alle Eide, die ich hier geschworen habe, für nichtig erklären. Theoretisch kann er mich sogar der Abkehr vom Glauben anklagen.", wobei letzteres gerade bei Alexej lächerlich wäre, aber fraglos würde er das akzeptieren müssen, ob es ihm nun gefiel oder nicht.
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Jarel Moore
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Registriert: Freitag 25. März 2022, 23:06

Jarels Hand lag noch immer auf Jakes Schulter.
„Jakob, hör mir gut zu. Er ist allein hier. Allein. Er hat keinen Zugriff auf dich. Das Einzige, dass dich zwingen kann irgendwem abzuschwören, ist dein Gewissen.“ Der Schattenläufer suchte den Blick des jungen Mannes und versuchte ihn einzufangen. „Und das sollte du nicht fragen, was du in deinem früheren Leben getan hast, sondern was du daraus machen willst. Du dienst dem Guten. Egal unter welchem Namen. Es bleibt…deine…Entscheidung.“
Der Ritter konnte sich ansatzweise vorstellen, was in seinem Knappen vorging.
Dem Jungen gingen Rituale, Schwüre und Gelübde über alles. Das waren seine Pfeiler, seine Leuchtfeuer, sein Weg.
Und nun drohte sich ihm Jemand in den Weg zu stellen und ihm die Entscheidung abzunehmen. Schlimmer noch. Jemand wollte ihn den gegangenen Weg zurück zerren und alle bereits überquerten Brücken abbrennen.
„Ich pass auf dich auf.“, er versuchte sogar, sich ein Lächeln abzuringen. „Vertrau auf mich.“
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Jakob von Nagall
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Registriert: Sonntag 7. November 2021, 10:18

Gelübde und Schwüre, ja, das waren der Rahmen, in dem Jakob sich bewegte - die Regeln und Grundsätze, aus denen heraus er sich definierte und ohne die er nichts wäre. Der Ritter hatte das wohl inzwischen besser begriffen, als sein Knappe selbst. Denn dieser handelte in vielen Dingen wie konditioniert, instinktiv ahnend, dass er hilflos wäre, würde dieses Gerüst aus klaren Strukturen je in sich zusammenfallen. Er wäre ein Niemand, ein Mensch, dem man vergessen hatte beizubringen, wie man man selbst war. In dieser Hinsicht war der junge Mann wie ein Kind, das Bücher auswendig gelernt hatte, anstatt sie wirklich zu lesen und ihren Inhalt zu begreifen. Wie oft hatte er mit dem Mann, der nun seinen Blick zu halten versuchte über theologische Konstruktionen diskutiert, ja fast gestritten. So wie gestern... war das wirklich erst gestern gewesen?
Seine Entscheidung. Seine allein und die hatte er bereits vor fast einem Jahr getroffen.
Die narbige Rechte des Knappen legte sich über die Finger des Ritters, welche noch immer auf seiner Schulter ruhten. Eine ungewöhnliche Geste für den jungen Menschen, der körperliche Nähe meistens lieber zu vermeiden suchte und somit viel mehr, als jedes Wort hätte ausdrücken könnte. Er vertraute nicht nur auf Jarel, er vertraute ihm und ihm allein. Traute ihm. Wie seltsam, sich dessen so gewiss zu sein, nach allem, was in letzter Zeit geschehen war. Jakob atmete tief durch, ließ die Ruhe, die die Hand auf seiner Schulter auf ihn ausstrahlte wirken und saugte sie regelrecht in sich auf. Er blickte wieder zu Viktor.
"Ich rede mit ihm. Und ich werde nicht auszurasten." Es klang fast, als müsse er sich selbst davon überzeugen. Dann ließ er die Hand sinken und sah Jarel noch einmal an. "Erzpriesterin Varelia lässt dir ausrichten, dass du es nicht wagen sollst, Iola sich selbst zu überlassen." Noch ein Durchatmen, Jarel einen Moment gebend dem abrupten Themenwechsel zu folgen - doch mit Jakob zu leben bedeutete, mit plötzlichen Themensprüngen oder aus heiterem Himmel Tage später wieder aufgenommenen Gesprächen umgehen zu lernen. "Violetta war durcheinander. Ich habe ihr gesagt, dass jeder von uns seine Schatten mit sich trägt, auch du. Aber ich bin nicht gut in sowas. Vielleicht habe ich alles nur schlimmer gemacht." Er presste die Lippen einmal mehr zu einem schmalen Strich und zog sich unter der schweren Hand heraus, um seiner Ankündigung Taten folgen zu lassen.
Mit vorsichtigen Schritten, als nähere er sich einem verwilderten Hund, ging er zum Feuer und ließ sich in gleichermaßen ausreichend Abstand zu den Flammen und dem Fährtenleser nieder. Es dauerte, doch nach einer Weile sprachen die beiden leise Miteinander.
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