Das Militärkrankenhaus in Iwankiw, nahe Kiew

Alle Orte die vor dem Betreten der Zone ggf. relevant sind, selbst wenn es um andere Länder geht - alles hier rein.
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Mit der Entstehung der Zone und dem Errichten des Kordon wurde auch das Militärkrankenhaus errichtet, zunächst aus Containern bestehend, wurde es seit 2008 stetig erweitert und aus einem Provisorium wurde ein dauerhaftes Provisorium. Das Krankenhaus unterhält vor allem eine Forschungsabteilung, die sich mit Phänomenen der Zone beschäftigt, sowie eine Notfallambulanz in die regelmäßig Soldaten eingeliefert werden, die in der Zone verletzt wurden.
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Viktor
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"Diese Kugel trägt schon sehr lange deinen Namen, Maximilian."
"So? Was ein Aufwand, sie immer wieder aus dem Magazin zu nehmen."
"Ach verdammt, Garcia, du kannst einem auch die schönste Metapher zerreden. Wieso stirbst du nicht einfach?"
"Weil du immer noch der gleiche miese Schütze bist, Erain."
"Wer sagt, dass ich dich nicht genau da treffen wollte? Damit du langsam stirbst, alter Mann."
"Dann beschwer' dich nicht, dass ich genau das tue. Wenigstens kommst du mit mir, Vampir. Der Sonnenaufgang ist nah."
"Vielleicht nehme ich vorher dein Blut und verschwinde."
"Du weißt, dass du das nicht kannst. Und wenn ich erst tot bin, ist es zu spät."
"Du bist ein Bastard."
"Nein. Ich bin der Großmeister der armen Ritterschaft Christi vom Salomonischen Tempel."


Sein Blut. Sein Blut zwischen seinen Fingern. Er fühlte keine Schmerzen, aber er fühlte sein Blut. Es war heiß, aber ihm war kalt. Unfassbar kalt, trotz der sengenden Sonne, die sich langsam in den wolkenlosen Himmel schob. Es war schon eine Weile still. Erain war fort. Für immer fort, wie auch er bald fort sein würde.
Er betete.

Ave Maria, gratia plena,
Dominus tecum,
benedicta tu in mulieribus,
et benedictus fructus ventris tui, Iesus...

Anuschka - Eleonora.
Iolas - Daria.
Salome.
Nila.


Er starb.
Bleiche Kinderhände mischten waldgrüne Farbe in ein dunkles Violett, zogen Schlieren mit einem spitzen Finger, zogen einen grün und violett schillernden Faden, der sich wie ein Tuch aufspannte, tanzte und in der Bewegung erstarrte, als kristallenes Glas sich darum zu einer Kugel schloss.

Viktor riss die Augen auf. Seine Körper brannte. Sein Körper bebte. Bilder stachen sich auf seine Netzhaut wie von Blitzen aus der Dunkelheit gerissen, die ihn bis eben umgeben hatte. Bilder von Menschen in weißen Kitteln und blauen Zweiteilern. Bilder von Lampen und Geräten. Wortfetzen.
"Wir haben ihn. Er ist wieder da."
"Puls stabilisiert sich."
Sein Körper tat weh, seine Augen fielen wieder zu. Worte drangen dumpf an sein Ohr, Worte ohne Bedeutung, der Tonfall Befehlen gleich. Befehle...

"Genosse Evgenij Stepanowitsch! Schlafen Sie?"
"Nein - nein, Genosse Hauptmann, ich..."
"Wiederholen Sie!"
"Die - die... ich..."
"Dacht ich mir's doch. Los raus auf den Hof, rennen Sie bis ich sage es war weit genug."
Er rannte, unter einer sengenden Sonne, die sich langsam in den wolkenlosen Himmel schob. Er rannte und er schwitzte und er brach irgendwann zusammen.
Er hasste das Gerenne.
Das Exerzieren.
Das Salutieren.
Und tat es doch.


Als er das nächste Mal aufwachte, war es dunkel. Der Raum wurde nur von einem Monitor erhellt, auf dem leise grüne und blaue Linien eine immer wiederkehrende Berglandschaft zeichneten. Kabel verschwanden unter seiner Bettdecke, Schläuche gesellten sich zu ihnen. Etwas steckte in seiner Nase und spülte Kühle durch seinen Kopf. Sein Kopf war schwer wie Blei und die Gedanken darin dicht, wirr und langsam. Er erinnerte sich daran, in etwas hinein geraten zu sein, während er etwas anderem ausgewichen war. Er erinnerte sich an eine Kugel in seinem Bauch. Unwillkürlich fuhr seine Linke auf die Stelle, doch da war nichts. Kein Verband. Kein Schmerz. Hatte er geträumt?
Viktor stemmte sich auf die Ellenbogen, setzte sich auf und betrachtete seine Hände, die ganz ruhig auf der Bettdecke über den Oberschenkeln lagen. Ganz ruhig, kein Zittern. An einem Finger steckte eine Klammer, von der ein Kabel weg führte. Er riss sie nachlässig ab, betrachtete eingehend die Hand, während der Monitor neben seinem Bett in ein langgestrecktes Piepen überging.
Es war, als hätte er in ein Wespennest gestochen. Die Tür flog auf, grelles Licht blendete seine Augen und er hob beschirmend eine Hand. Von den anderen fünf Betten waren nur zwei belegt und ihre Besitzer murrten unwillig ob der nächtlichen Störung durch die beiden Schwestern, von denen einen auf Viktor zugestapft kam wie der leibhaftige Zorn seiner seligen Großmutter.
"Bist du verrückt geworden, uns so einen Schrecken einzujagen! Hinlegen, Ruhe halten."
Das Piepen verstummte, die andere Schwester nestelte an Viktors Verkabelung herum und prüfte die Infusion.
"Ich hab Durst und ich muss pissen."
"Du hast einen Katheter."
"Darum fühlt sich das an, als muss ich pissen. Mach den raus."
"Wenn der Doktor sagt, dass du aufstehen darfst. Keinen Moment früher."
"Dann mach ich's selber."
Sie lachte kurz. "Mach solche Dummheiten und ich weiß ein paar Arten, dich davon abzuhalten."
Er überlegte kurz. Nein, sie meinte wohl kaum, zu ihm ins Bett zu klettern. War ja auch sinnlos, mit so einem Beutel am Sack. Er lehnte sich wieder in die Kissen und musterte die Schwester, während die ihn wieder zudeckte und den besagten Beutel auch gleich tauschte.
"Krieg ich 'n Bier?", fragte er nach einem Moment.
Sie schaute ihn schief an, die andere kicherte, notierte ein paar Werte auf ein Klemmbrett an seinem Bett und verschwand mit den Ausscheidungen seines Körpers. Die Ältere stemmte die Arme in die Seiten und hob die Brauen. "Ich hab nur Lager."
Viktor grinste breit.
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Viktor
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Es dauerte länger, als er es sich wünschte. Sein Körper war eben keine zwanzig mehr und brauchte Zeit, um sich von dem Unfall zu erholen. Doch Viktor war geduldig, ließ sich Bücher und Zeitungen bringen, nutzte die Netzqualität, schlief viel und erholte sich einfach. Nur den Katheter diskutierte er schon am zweiten Tag bis aufs Blut mit dem Arzt durch, bis dieser sich dazu bereit erklärte, ihn entfernen zu lassen, wenn Viktor es schaffen sollte, auf seinen zwei Beinen bis zum Klosett zu schlurfen. Die Aussicht war vielversprechend und der Jäger war zäh - und stur. Er erstritt sich seine Würde zurück und von diesem Tag an ging es ihm gleich besser. Er fragte seine Zimmergenossen aus, bettelte bei den Schwestern weiter nach Bier und war eigentlich ganz zufrieden. Wenn nicht die wirren Träume gewesen wären, die ihn Nacht für Nacht heimsuchten. Träume voller fremder Gesichter und fremder Orte, Szenen, die ihm vertraute Gefühle entlockten, obwohl die Bilder ihm nichts sagten. Dazu kam der misteriöse Umstand, dass scheinbar seine Parkinson-Erkrankung vollständig verschwunden war und er zufällig herausfand, dass er des Griechischen mächtig war, indem er zwei Männern einer Spedition zuhörte, die draußen bei ihrem LKW standen und sich lauthals stritten. Erst als ein Soldat dazu kam und man sich in gebrochenem Englisch weiter stritt, war ihm aufgefallen, dass die beiden Griechen gewesen und sich in ihrer Muttersprache gezofft hatten. Abgesehen davon empfand er das Englisch aller drei als fürchterlich falsch, obwohl er selbst doch nur ein paar Brocken sprach.
Die Sache verwirrte ihn, schürte die Unruhe in ihm. Seine Gedanken drifteten immer wieder zu den anderen Jägern, zurück in die verfallene Stadt. Die Zone rief nach ihm. Irgendwie rief sie doch immer wieder nach denen, die sich ihr lange genug ausgesetzt hatten. Außerdem brauchte er jemanden, mit dem er über seine Situation reden konnte, aber der einzige, der ihm da spontan einfiel, war verschwunden. Immerhin erfuhr er von den Schwestern, dass er nicht der einzige Jäger war, der sich in diesem Etablissement eingefunden hatte. Juri lag ein paar Zimmer weiter, hübsch verdrahtet und verbunden, und ungewohnt schweigsam. Netterweise ganz allein und Viktor nutzte daher die Zeit, um den anderen Jäger häufiger zu besuchen. Dann hockte er auf dem Bett nebenan und versuchte ein Gespräch zu führen, bei dem Juri nur Nicken oder Kopf schütteln musste. Allerdings bereitete dem das ausreichend Schmerzen, dass sie auch davon irgendwann wieder Abstand nahmen und Juri Kärtchen bastelte: 'Ja', 'Nein', ein hübsch ausgestalteter Mittelfinger und dergleichen.
"Willst ein Bier?"
'Mittelfinger'
"Find' bestimmt 'nen Strohhalm. Haben aber nur Lager."
'Mittelfinger'
"Hmm, stimmt. Schmeckt bestimmt scheiße durch 'nen Strohhalm. Noch beschissener als so schon."
Schweigen.
"Sparst schon wieder Klicks?"
'Ja.'
"Mistkerl. Lässt mich wieder hier sitzen, während du schielst wie ein Idiot."
Schweigen.
"Würde zu gern wissen, was sie mit dem Typen gemacht haben, der dir die Fresse poliert hat."
Juri machte eine eindeutige Geste.
"Meinst du. Zuletzt war er gut vertaped in einer Zelle. Aber vielleicht hast du Recht und das ist gar nicht so eine gute Idee gewesen." Viktor rutschte vom Bett, tappte zu Juri hinüber und inspizierte dessen farbenfrohes Gesicht. "Solltest dein Gesicht echt nächstes Mal aus dem Weg nehmen. Hab immer gesagt, Gewalt ist keine Lösung. Aber die Farbe hier unten ist hübsch, fast wie diese Blumen da bei der Halde." Geflissentlich ignorierte er den mörderischen Ausdruck in Juris Augen und ging zum Fenster, lehnte sich an den Rahmen und sah hinaus.
"Ist schon komisch. Wenn man dort ist, fragt man sich, wieso man den Scheiß macht. Und wenn man draußen ist, denkt man ständig an die Rückkehr.", sinnierte er, während er ein paar Soldaten beobachtete, die einen kleinen Geländewagen beluden. Die Kälte des Fußbodens kroch in seine nackten Füße - in den Zimmern war es kühl, während draußen die Sonne brannte. Wieder flackerten Bilder vor seinem inneren Augen auf: weiße Mauern, gleißend im Sonnenlicht, rostroter Sand, Felsformationen in der Ferne. Das Klingen von Schwertern lag in der Luft, ließ seine Ohren schwirren.
Viktor blinzelte.
Soldaten. Beton. Dahinter ein Grünstreifen. Kein Sand.
"Mit der Zeit macht sie uns alle verrückt.", murmelte er und wandte sich schließlich ab. Juri beobachtete ihn mit fragendem Blick, als er sich auf dem Fußende des Bettes abstützte und grinste. "Ich hab Tagträume und du rennst einem Mutanten mitten in die ausgestreckte Rechte." Mit einem Grunzen versuchte Juri nach ihm zu treten.

Die Tage vergingen und schließlich ließ Viktor sich auf eigene Gefahr vorzeitig entlassen. Er fühlte sich gut. Er wollte weg. Juri war so eine schweigsame Gesellschaft und auch er würde irgendwann zurück kommen, dauerte nur etwas länger. Die Zone holte sich ihre Opfer immer zurück.
Viktor ließ sich also seine Papiere ausstellen, schickte eine Nachricht raus und hockte sich dann auf die Stufen des Krankenhauses in die Sonne, abwartend, ob sich eine Gelegenheit zur Rückfahrt ergeben würde. Sicher, er könnte auch laufen, aber der Weg war weit, seine Waffen in Pripyat geblieben. Keine guten Voraussetzungen. Wenn heute kein Konvoi mehr raus ging, würde er eben erstmal in der nächsten Kneipe absteigen. Richtiges Bier trinken. Er blinzelte in die Sonne. Eigentlich doch ein schöner Tag, stellte er erstaunlich gut gelaunt fest.
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Ein Wagen fuhr am Krankenhaus vor. Es war einer dieser viel zu breiten SUVs, die viel zu viel Benzin schluckten und die man fast nur in zweiter Reihe parken konnte, denn in eine normale Parklücke passte der niemals rein. Entsprechend waren die Kotflügel auch schon etwas abgeschrammt. Überhaupt war das ursprünglich dunkelblaue Fahrzeug staubig und dreckig. Gewaschen hatte es schon lang keiner mehr. Es war ein Dienstfahrzeug. Es passte in seiner Auffälligkeit so gut ins Straßenbild einer Großstadt, dass es weniger auffiel als ein angeblich unauffälligerer Kleinwagen.
Am Steuer saß, ganz zum Klischee passend, ein eher kleiner Mann mit fast schwarzen Haaren, den ausgefransten Haarschnitt derzeit unter einer Schirmmütze versteckt. Ebenso die ersten grauen Haare. Mittlerweile setzte er auch schon etwas Bauch an. Auf dem Rücksitz hatte sich ein großer hagerer Mann mit auffälliger Hakennase und dunkelrotem kurzgeschorenem Haar ausgestreckt. Der einzige Vorteil des SUVs war der Paltz, den er innen bot.
Beide trugen Uniformjacken, darunter allerdings die abgetragene Kleidung wie sie Stalker trugen. Die Uniformjacke konnte sie schnell und unauffällig abstreifen sobald sie den Wagen verließen.
Der Mann am Steuer, sie nannten ihn 'Amir' ließ das Fenster herunter. Die elektrischen Fensterheber funktionierten, allerdings gaben sie ein gemeines Knirschen von sich, irgendwann war wohl Sand reingeraten und nie hatte es jemand für nötig befunden, den wieder zu entfernen.
"He, Viktor... Hab gehört, du brauchst ne Mitfahrgelegenheit."
Der andere war Lew.
Sie hatten zu den ersten Teams gehört, mit denen Slava das Projekt 'Nachtwache' gestartet hatte. Aber er hatte das Team verlassen ehe sie nach Pripyat gegangen waren und dort zu den Jägern wurden. Amir hatte andere Projekte übernommen und Lew nahm eine Auszeit, er hatte gerade geheiratet und seine Frau war schwanger gewesen. Das war nun bereits über 4 Jahre her.
Lew trug die Schulterstücke eines Majors, Amir die eines Leutnants. Die Hauptgründe, weswegen man sie auf dem Krankenhausgelände nicht behelligte, auch wenn sie jetzt die Zufahrt für die Rettungskräfte blockierten.
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Viktor
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Viktor hatte die Beine angezogen, die Arme auf den Knien abgestützt und spielte mit seinem PDA herum. Hier draußen gab es andere Netze, die Gelegenheit muss man nutzen. Außerdem verfolgte er die Kommunikation innerhalb der Zone ebenso aufmerksam, wie das Geschehen in der Welt. Eigentlich hatte er sich nie sonderlich für Politik, Wirtschaft oder überhaupt all diesen gesellschaftlichen Plunder interessiert, aber seit dem Unfall lockten ihn die Nachrichtenseiten und Blogs irgendwie magisch an. Und das Verrückte war, dass er auch noch verstand, was er da las und seine eigenen Schlüsse daraus zog. Immer weiter recherchierte, bis er an die gemachten Grenzen seiner Regierung stieß und sich wunderte, als wäre er nicht schon sechzig Jahre Bürger dieses schönen Landes. Er lud sich ein paar Artikel runter, die er lesen wollte, wenn er gleich in einer Kneipe verrottete, weil er heute nicht mehr nach Pripyat kommen würde. Damit hatte er eigentlich schon abgeschlossen.
Er sah auf, als der Schatten eines Fahrzeugs seine Stiefelspitzen berührte und verzog gequält das Gesicht, als der Fensterheber protestierend die Scheibe herab senkte. Ein vertrautes Gesicht erschien hinter der spiegelnden Fläche. Viktor sah sich betont nach rechts und links um, als müsste er abwägen, ob sich nicht noch eine bessere Gelegenheit bieten würde oder er wirklich gemeint war. Schwer zu deuten. Er blickte Amir wieder an, steckte seinen PDA ein und blinzelte ins Licht.
"Amir. Sowas. Bin ich befördert worden ohne es zu merken, dass man mir nen privaten Fahrer schickt?" Er stemmte sich mit den Händen auf den Knien hoch, fischte seine Jacke vom Boden und ging auf das SUV zu, um Amir durchs Fenster die Hand zu reichen. Ein Blick auf seine Schulterstück ließ ihn eine Braue heben, dann schielte er an dem Fahrer vorbei zum Rücksitz und die andere Braue gesellte sich der ersten zu. Lew? Sollte der nicht artig zu Hause bei Frau und Kind sein? Viktor überlegte - wie lange war das jetzt her? Er gab es auf. Länger als ein Jahr jedenfalls. Er tippte sich mit den Fingern wortlos grüßend an die Stirn.
"Wenn ihr zufällig in meine Richtung fahrt.", wandte er sich wieder an Amir.
"Zufällig. Steig ein."
Viktor ging um das SUV herum und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Amir stieß sogleich rückwärts, wendete und gab Gas. Irgendwie war es erleichternd, das Krankenhaus hinter sich zu lassen und zu wissen, dass es wieder zurück ging. Zurück in die Hölle, aber auch irgendwie zurück nach Hause. Er drehte sich auf dem Sitz um und blickte zu Lew, der auf der Rückbank lümmelte. "Ave Lew, was führt dich zurück in unsere erlauchte Runde? Geht dir das Geld aus? Wie geht's der Familie?", wollte er neugierig wissen, während das SUV über schlechte Straßen zum Checkpoint rumpelte.
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Viktor stieg ein, Sie beobachteten ihn, er wirkte gesund und kräftig. Lew ließ die Finger knacken.
"Markin hat mich angerufen... Ich habe eben erst erfahren, dass Sokolov vermisst wird und für tot erklärt wurde. Seit über einem Jahr schon... Und keiner hat es für nötig gehalten, es mir zu sagen..." Er schüttelte den Kopf, es war kein Vorwurf, ihm war schließlich klar, für wen er arbeitete und dass Markin es sogar vor sich selbst geheim gehalten hätte, wäre er dazu schizophren genug gewesen.
Trotzdem lag etwas wie Resignation in seiner Stimme.
"Scheisse... tot... ich kann es nicht glauben... dieser verdammte Schwerenöter... Ich dachte, er wäre nur für ne Weile untergetaucht... Egal wie... Ich bin die Urlaubsvertretung."
Er konnte nicht einmal behaupten, dass er und Slava Freunde gewesen wären, viel mehr Konkurrenten. Er war jünger, gesünder, der bessere Scharfschütze. Und er bekam sein Leben besser auf die Reihe. Trotzdem waren sie Kammeraden gewesen und zuletzt vielleicht doch auch Freunde? Er hatte er immer das Gefühl gehabt, Salva wäre allen überlegen, immer einen Schritt voraus. Er tat was er wollte und kam damit durch.
"Euer Walodja hat uns angefordert und Markin hat zugestimmt." Erklärte Amir. Sie hatten die Diskussion schon während der ganzen Fahrt und er war dessen wohl müde.
"Aber wie geht's dir? Was ist eigentlich passiert? Direkt in ne Anomalie? Sieht dir gar nicht ähnlich."
Sie setzen die Fahrt fort.
Amir fuhr schnell und vielleicht ein wenig rücksichtslos, hupte und überholte in der Stadt. So hatten sie sie schnell hinter sich gelassen und erreichten bald die erste Absperrung. Hier genügten die Papiere. Es gab aber noch zwei weitere Absperrungen, bei der nächsten erfolgte ein Anruf und bei der dritten ließ man sie warten.
Es dauerte elendig lange, und irgendwann verschwanden sie Soldaten ganz.
"...ich denk ab hier geht's zu Fuß weiter." meinte schließlich Lew. "Kommt."
Er steig aus, packte alles zusammen, was sie dabei hatten und ließen den Wagen stehen.
Sie waren nun etwas westlich von Pripyat, noch etwas nördlicher als Limansk aber weniger als einen halben Tagesmarsch von der Hauptstadt der Zone entfernt.
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Viktor
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Viktor hatte sich irgendwann dann doch angeschnallt - eine Anomalie überleben und dann wegen Amirs Fahrstil als roter Fleck auf der Windschutzscheibe enden wäre wirklich kackendämlich. Er hatte ein Bein auf den Sitz gezogen, damit er besser zu Lew nach hinten blicken konnte. Nachdenklich betrachtete er den jüngeren Mann. Urlaubsvertretung. Viktor rieb sich das stoppelige Kinn. "Glaub' nich', dass er tot ist. Wirst sehen. Irgendwann steht er plötzlich in der Tür und drückt dir 'nen dummen Spruch." Jemand hupte wild und Amir machte eine flinke Ausweichbewegung nach links, die Viktor gegen die Seitentür warf. Ihm behagte der Gedanke nicht, dass Lew die Kohle aus dem Feuer holen sollte. Der Mann hatte eine Familie, die ihn vermutlich dringender brauchte als ihre kleine Gruppe von Möchtegernhelden. Hätte Viktor selbst noch Familie gehabt, keine zehn Pferde hätten ihn zurück in die Zone gebracht. Er wäre inzwischen im Ruhestand, hätte ein Haus mit Garten oder eine Datscha irgendwo hübsch weit draußen, vielleicht Enkel und viel zu viel Zeit. Statt dessen ließ er sich hier Tag für Tag die Seele fressen.
"Gut geht's mir - noch. Wenn du allerdings weiter so fährst, kotz' ich dir die Kiste voll.", beantwortete er Amirs Frage, um sich selbst von seinen Gedanken abzulenken. Er blieb in der Ecke zwischen Sitz und Tür hängen, überlegend, an was er sich überhaupt erinnern konnte. "Weiß' nicht mehr genau. Die Anomalie an sich war eigentlich ziemlich gut ersichtlich und klar abgegrenzt. Ein paar statische Entladungen, nichts, was man nicht umgehen konnte. Das was mich erwischt hat - tja. Als wenn es in dem Moment erschienen wäre, als ich den Fuß auf die Stelle gesetzt habe." Er setzte sich wieder etwas auf, als sie die Stadt und damit den dichteren Verkehr hinter sich gelassen hatten und Amir einfach nur geradeaus fahren musste.
Viktor kam es beim Gedanken an seinen Unfall so vor, als habe GOTT ihn verwarnt. Ihn daran erinnert, mehr Demut zu haben vor den Unwegbarkeiten der Zone, einem Gebiet, dass Menschen zu dem gemacht hatten, was es war und nicht der HERR. Die Zone war gottlos, von allem guten verlassen. Hinter den Absperrungen herrschte ein anderes Gesetz und dennoch hatte GOTT ihm gezeigt, dass er seine Schöpfung auch dort beschützen konnte. Nachdenklich blickte Viktor aus dem Fenster, bis sie den ersten Checkpoint passierten. Nun waren sie allein auf weiter Flur.
Viktor drehte sich wieder zu Lew um. "Was haben sie euch sonst noch so nicht erzählt?", wollte er wissen. Wussten sie zum Beispiel von dem seltsamen Mutanten, der Juri ins Krankenhaus katapultiert hatte? Und von diesem Geist, der neuerdings die Zone durchstreifte und wahllos half oder Unheil brachte? Die Erinnerung an Carolyn ließ Viktor nachdenklich auf seine Hand blicken, die ganz still auf seinem Knie lag. Verrückt alles.
Am nächsten Kontrollpunkt mussten sie länger warten und am dritten ging es gar nicht mehr weiter.
"Spitze.", murrte der Fährtenleser, stieg aber ansonsten wortlos aus und sah sich um, orientierte sich. Die Zone war schon so lange Teil seines Lebens, dass man ihn überall hätte aussetzen können, er fand immer wieder nach Pripyat - wie eine streunende Katze. Es war einfach ein Gefühl für Richtungen und Entfernung, weniger die Landschaft. Landmarken gab es ohnehin nicht besonders herausstehende. Zu Fuß also. Unbewaffnet. Er lockerte den knirschenden Nacken und setzte sich an die Spitze ihrer kleinen Gruppe, wie er es immer tat, alle Sinne auf das ausgerichtet, was vor ihnen wartete.
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"Was man uns sonst alles nicht gesagt hat... Na, ich werde es sehen. So wie ich diesen alten Bastard kenne haben sie Pripyat eingeebnet und bauen jetzt ein Einkaufszentrum und er hätte es mir nicht gesagt."
Sprich, er hatte keine Ahnung was ihn erwartet, weder der Mutant noch das Mädchen. Sofern es nicht um einen konkreten Auftrag ging würde er von Markin vorab auch nichts erfahren und musste sich selbst ein Bild von der Lage machen. Slava hatte genau dieses Vorgehen auch immer unterstützt und ebenfalls praktiziert, darin waren sie sich irgendwie gleich und Lew war vor allem mit dem zweiten deshalb oft aneinandergeraten, wegen dessen Führungsstil im allgemeinen und auch seinem privaten Lebensstil im speziellen. Aber dass er nicht mehr da war, war trotzdem irgendwie unvorstellbar. Er wünschte sich beinahe, dass Viktor recht hatte, dass er plötzlich in der Tür stand und so tat als wäre nichts gewesen. Vorstellbar war in der Zone alles. Aber er war nicht hier, und dass Markin ihn schickte bedeutet, dass es ihm nicht gefiel, wie Schura die Dinge anging.
Und ob er den Gedanken ahnte oder es einfach nur Naheliegend war, Lew erklärte kurz, während sie ausstiegen und sich kurz umsahen.
"Da ist ein Depot, dort im Wald. In einer kleinen Hütte, wenn es nicht jemand anderes gefunden hat."
Was er einen 'Wald' nannte war ein Dickicht aus Gestrüpp, das in den letzten Jahrzehnten gewachsen war. Halbhohen Birken und anderen Pioniergewächse, darunter Nachtkerzen und natürlich viele Brennnesseln und niedrige Sträucher, Weißdorn und kleine Schlehen aber alles von etwas merkwürdiger Wuchsform. Das war hinter einem abgeholzten schmalen Streifen, der auch auf eine gute Schussdistanz frei gehalten wurde. Der SUV bot ihnen allerdings noch Sichtschutz zum flachen Militärcontainer auf der anderen Seite. Im Moment schien der aber ohnehin vollkommen unbelebt.
Wie lange man ihnen lassen würde war nie genau zu sagen, aber Lew schätzte, nur ein paar Minuten. Dann würde ein höherrangiger Diensthabender eintreffen und irgendeinen mit dem SUV zurückschicken. Oder sie verhaften, wenn sie bis dahin nicht verschwunden waren. Was genau ihre Dienststelle den Grenzposten erzählte wusste er nicht, aber Markin hatte überall seine Finger drin. Vielleicht hatte er dem armen Mann irgendwann einmal Drogen unterschieben lassen um etwas in der Hand zu haben, vielleicht hatte er auch einfach Spielschulden oder wollte irgendetwas andere verstecken. Er ahnte sicher auch nicht im entferntesten, mit wem er da kollaborierte. Vermutlich nahm er an, dass er ein paar Söldner irgendeines Oligrachen in die Zone schleuste, die irgendetwas für einen verrückten Sammler besorgen sollten. Ein paar dieser 'Tore' hielt Markin für Notfälle offen, eingefädelt hatte sie aber seinerzeit ein anderer. Deshalb mussten sich in der Regel selbst einen Weg suchen. Und oft genug 'schloss' man später diese Tore. Manche der Männer sah man nie wieder.
Das gehörte zu den Dingen, über die Lew ungern nachdachte und wenn doch löste das Streit aus.
Das Dickicht lag nun vor ihnen, vielleicht 30 Meter.
"Los jetzt"
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Viktor
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Viktor wandte den Kopf und sah in die gewiesene Richtung, überfuhr den Boden und das niedrige Gewüchs mit den Augen und ließ sich Zeit. Zeit war auf der Jagd alles, was zwischen einem guten Schuss und leeren Händen stand. Und in der Zone stand sie zwischen dir und dem Tod. Lieber einmal mehr hinschauen, einen Moment länger lauschen, als einen voreiligen Schritt zu tun. So kam er schon eine ganze Weile klar. Vielleicht war er nachlässig geworden und hatte einen Warnschuss gebraucht, damit er sich wieder an diese einfache Regel erinnerte. Langsam war manchmal das bessere schnell. Bedächtig, statt eilig. Lew wollte los, aber er wollte noch nicht - Viktor wandte den Kopf, blickte zurück zu ihrem Fahrzeug. Und für einen Moment verschwamm die Welt...
das SUV wurde zu einem schwarzen Van, die Scheiben verspiegelt, am Steuer eine junge Frau, die ihn aus Augen anschaute, welche ihm ins Herz blickten. Ihre Finger lagen fest um das Lenkrad, ihren Hals zeichnete ein Brandmal - ein Tatzenkreuz. Eigentlich dürfte er es auf diese Entfernung gar nicht sehen, immerhin war es dunkel und es regnete. Er hörte die Tropfen schwer auf seinen Ledermantel prasseln und fühlte die Feuchtigkeit in die ledernen Handschuhe sickern...
"Viktor?!"
Der Van verschwand, wurde wieder zu einem SUV. Die Sonne schien. Hellichter Tag. Viktor blinzelte. "Ja, los.", murmelte er und setzte sich wieder in Bewegung, doch es dauerte ein paar Schritte, bis er sicher war, dass er Gras unter den Füßen hatte und keinen nassen Asphalt. Bedächtig setzte er einen Fuß vor den anderen, folgte einer Linie, die nicht direkt das Depot zum Ziel hatte, sondern einen kleinen Bogen beschrieb, der eine Senke umging. Er tat das eher unbewusst.
An der Hecke angekommen, schob er ohne viel Aufhebens Brennnesseln, Kletten und Weißdorn beiseite, wobei sich letzterer widerspenstig in seine Kleidung hängte und es den ein oder gezielten Tritt brauchte, um weiter zu kommen. Wie so oft bei dichtem Randbewuchs, brauchte es nicht viel, um das Schlimmste hinter sich zu lassen. Das Dickicht wurde etwas lichter, die Nesseln weniger. Viktor hatte sogar den Eindruck, dass er sich ganz aus der Intuition heraus einen kaum zu erkennenden Wildpfad gewählt hatte, um in den 'Wald' vorzudringen. Wie so oft eine jener Eingebungen, die ihn einfach immer schon begleiteten und zugleich das Wissen, dass die Tiere - so krank an Kopf und Körper sie auch sein mochten - die Anomalien instinktiv mieden. Was sie natürlich auch nicht immer davor bewahrte, dazu war die Zone zu unberechenbar.
Noch ein paar Schritte durch den Bewuchs, dann tauchte die niedrige Hütte vor ihnen auf. So zugewuchert wie die maroden Wände waren, machte sie nicht den Eindruck als sei hier sei Jahrzehnten irgendjemand vorbei gekommen, aber Viktor wusste, dass der Schein trügerisch sein konnte.

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Zuletzt geändert von Viktor am Donnerstag 7. April 2022, 13:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Einen Moment lang wirkte Viktor abwesend, Amir rief ihn, der alte Mann blinzelte und dann war er wieder da.
Lew runzelte nur die Stirn.
Er war sich nicht sicher gewesen, ob es eine gute Idee war, ihn gleich wieder mitzunehmen, andererseits wurde jeder gebraucht.
Als er dann aber sah, wie er sich in Bewegung setzte, in einem Bogen, nicht direkt, und Stellen umging, an denen das Gras auf verräterische Weise flachgedrückt war, da wuchs auch Lews Zuversicht wieder, das mit ihm alles in Ordnung war.
Sie erreichten die verfallene Hütte, die Wände waren gemauert aber das Dach war abgesackt, durch die leeren Fenster konnte man erkennen, dass die Balken zwar die Türe blockierten, aber innen war noch ein passabler Hohlraum, überwachsen, mit Moos und niedrigen Pflanze aber weiter drinnen trocken. Man musste nur durch das Fenster klettern und ein wenig kriechen.
Sie schwiegen seit sie das Gebüsch erreicht hatten, Lew machte zu Amir eine Geste, er solle die Hütte umrunden. Der gehorchte sofort. Jeder Stalker kannte taktische Gesten und selbst wenn es innerhalb der Gruppen manchmal komplett selbst erfundene waren. Es gab genug Gelegenheiten in denen es besser war lautlos zu kommunizieren.
Amir kam nach wenigen ein paar Minuten wieder, nicke. Alles sauber.
Kein Bandit hatte sich eingenistet, kein Mutant.
"Wartet hier."
Lew warf noch ein paar kleine Steinchen durch's Fenster, ehe er selbst hindurch kletterte. Vorsichtsmaßnahmen. Bolzen und kleine Schrauben waren zuverlässiger, aber nicht zur Hand, kleine Steinchen mussten es jetzt auch tun.
Trotz seiner Größe war er relativ gelenkig und kurz darauf kam er mit drei fertig gepackten Rucksäcken heraus, es waren auch drei alte AKs dabei.
Standartaustattung.
In jedem Rucksack steckte außerdem ein PDA und ein Anomaliedetektor. Lew klappte seinen auf, überprüfte die Batterien. der Detekor funktionierte, der PDA nicht. Leer.
"War ja klar." Ein Blick zu Amir.
"Meiner geht... ich meld mich mal an."
"Gut... reicht ja."
Sie würden sich wieder mit ihrem alten Konten anmelden, ihren alten Identitäten. Die IT Abteilung ihrer Behörde hatte ihnen für die zeit ihrr abwesenheit eine Historie erstellt, nichts weltbewegendes, nur damit keinem auffiel, dass sie in der Zeit nicht da waren.
Dass keiner sie persönlich gesehen hatte fiel meist nicht auf oder kümmerte keinen.
Die beiden überprüften nicht die Gewehre und den Rest der Ausrüstung.
"Gut, dann weiter."

weiter dann hier.
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